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← Magazin 19. Mai 2026
Stadtnatur · 8 min

Die Wildbienen vor unserer Haustür

Ein Frühjahr lang haben wir in einem Berliner Hinterhof notiert, welche Wildbienenarten kommen. Sechs Arten, die meisten unscheinbar, einige übersehen — und die schwierige Frage, ob unsere Honigbiene ihnen das Futter wegnimmt.

Die Wildbienen vor unserer Haustür

Es ist Anfang April, ein Mittwochmorgen, halb neun. Auf der südlichen Hofmauer, dort wo die Sonne den Putz bereits aufgewärmt hat, sitzt eine Biene, die keine Honigbiene ist. Sie ist deutlich kleiner, fast schwarz, mit einem rostroten Hinterleib, und sie verschwindet, kaum dass wir näher kommen, in eine fingerdicke Öffnung zwischen zwei Ziegeln. Eine Mauerbiene auf Nistsuche. Es ist der Beginn einer Notizreihe, die wir bis Mai geführt haben — was an Wildbienen, im Lauf eines einzelnen Frühjahrs, in einen einzelnen Hinterhof kommt.

Der Hof ist nicht besonders. Er misst dreizehn Meter mal achtzehn, hat eine Mauer aus den dreißiger Jahren, ein paar Sträucher am Rand, zwei Hochbeete, eine kleine sandige Fläche, die wir vor zwei Jahren freigelegt haben, und ungefähr drei Quadratmeter alter, brüchiger Mörtelfugen. Eine Honigbienenbeute steht in einer hinteren Ecke. Was sich an Wildbienen einfindet, findet sich auch in tausend anderen Berliner Innenhöfen ein — wenn man hinsieht.

Sechs Arten und ihre Spuren

Die häufigste in den Frühlingswochen war die Rote Mauerbiene (Osmia bicornis), genau die Art von oben. Sie nistet in Mauerritzen, in alten Bambusrohren, in den Stengeln getrockneter Pflanzen, die wir nicht weggeschnitten haben. Männchen erkennt man am weißen Gesichtshaar, Weibchen an den beiden kleinen Hörnchen am Kopf, denen sie ihren Namen verdankt. Sie ist friedlich, sie sticht praktisch nicht, und sie ist eine der wenigen Wildbienen, die wirklich jeder schon einmal gesehen hat, ohne es zu wissen.

Etwas später, ab Mitte April, kam die Gemeine Sandbiene (Andrena flavipes) an die sandige Fläche neben dem Komposter. Sandbienen graben senkrechte Niströhren in lockeren, südwärts geneigten Boden; man sieht es an kleinen Sandkegeln, wie Maulwurfshügel im Miniaturformat. Flavipes hat gelbliche Beine — daher der lateinische Name — und tritt in unserem Hof in zwei Generationen pro Jahr auf, eine im April, eine im Hochsommer.

Ende April erschien die Frühlings-Pelzbiene (Anthophora plumipes), eine der eindrucksvolleren Frühjahrsbienen: kräftig gebaut, fast hummelähnlich, dichtes braungelbes Pelzkleid, ein deutlich tieferes, vibrierendes Geräusch im Flug. Die Männchen sind heller als die Weibchen und legen flatternde Schwebeflüge vor blühenden Lungenkräutern hin, in einem Rhythmus, der von weitem an schlecht eingerichtete Drohnen erinnert. Wir haben sie an mehreren Vormittagen am Hofeingang gesehen und eine Niströhre im weichen Mörtel der Hofmauer gefunden.

Im Mai kam dann, an einer einzelnen blühenden Mittelmeer-Wollziest im Hochbeet, die Garten-Wollbiene (Anthidium manicatum). Sie ist auffällig: schwarz mit gelben Seitenflecken, das Männchen deutlich größer als das Weibchen, was unter Bienen ungewöhnlich ist. Männchen sind territorial und vertreiben Honigbienen, Hummeln und Schmetterlinge mit beachtlicher Hartnäckigkeit von ihrem Reservoir an Wollziest- oder Ziest-Blüten. Wer eine solche kleine Luftschlacht zum ersten Mal sieht, hält es zunächst für einen Wespenangriff.

Daneben — und das ist die ökologisch interessanteste Beobachtung — gab es ab Anfang Mai eine Wespenbiene (Nomada-Art, vermutlich Nomada flava, aber wir trauen uns die Bestimmung nicht zu hundert Prozent zu). Wespenbienen sind sogenannte Kuckucksbienen: sie sammeln selbst keinen Pollen, sondern legen ihre Eier in die fertig angelegten Brutzellen anderer Wildbienen, hier wahrscheinlich der Sandbienen am Komposter. Die Larve frisst den dort hinterlegten Pollenvorrat — und meist auch das Ei oder die Larve der Wirtsbiene. Ihre Anwesenheit ist deshalb, paradoxerweise, ein gutes Zeichen: sie heißt, dass es genug Wirte gibt, um eine Parasitierung zu tragen.

Eine sechste Art, deren Bestimmung wir uns vorbehalten, war eine kleine Furchenbiene (Lasioglossum spec.) — eine schwer bestimmbare Gattung mit Dutzenden mitteleuropäischen Arten, die sich oft nur unter dem Mikroskop sicher unterscheiden lassen. Genug zu wissen: es war eine.

Die schwierige Frage der Konkurrenz

Damit kommt die unbequeme Frage. Konkurrieren unsere Honigbienen mit diesen Wildbienen um Nektar und Pollen? Die ehrliche Antwort: vermutlich ja, je nach Standort und Jahr unterschiedlich stark, und niemand hat dazu so klare Daten, dass man eine einfache Politik daraus ableiten könnte. Eine Honigbienenbeute mit dreißig- bis fünfzigtausend Tieren ist eine relevante Größe in einem ressourcenarmen Habitat. In Innenstadtquartieren, in denen ohnehin nur ein dünner Strom an Blühpflanzen verfügbar ist, kann eine zu hohe Stockdichte für die solitären Arten ein Problem sein.

Die Forschung — soweit wir sie verfolgen — deutet darauf hin, dass die Konkurrenz vor allem dann relevant wird, wenn mehrere Beuten dicht beieinander stehen und die nahe Umgebung floral arm ist. Bei niedrigen Stockdichten, in floral reichen Stadtteilen, sind die Effekte schwer nachzuweisen. Was sich daraus ergibt, ist nicht der Verzicht auf Honigbienen, sondern ein etwas zurückhaltenderer Umgang mit der eigenen Stockzahl und ein größerer Eifer in Sachen Blühangebot.

Was einem Hinterhof tatsächlich hilft

Wer einen Hinterhof für Wildbienen verbessern will, kann sich die Sache leicht machen. Drei Dinge zählen mehr als alles andere, und keines davon ist ein gekauftes Insektenhotel.

Eine kleine südexponierte Fläche mit lockerem, sandig-lehmigem Boden, ein bis zwei Quadratmeter, ohne Pflasterung, ohne Mulch. Das ist das Nistangebot, das die meisten bodennistenden Wildbienen brauchen, und es kostet außer ein wenig Erdarbeit nichts.

Pflanzkübel, in denen jeweils nur eine Art steht — nicht die übliche Mischbepflanzung, sondern ein Kübel Natternkopf, ein Kübel Glockenblume, ein Kübel Wollziest. Spezialisierte Wildbienen fliegen oft nur eine einzige Pflanzengattung an. Eine größere Menge derselben Art über einen längeren Zeitraum ist hilfreicher als ein bunter Mix.

Stehenlassen. Das ist der schwerste Schritt. Trockene Pflanzenstängel, alte Holzpfähle, verwittertes Mauerwerk — all das ist Nistmaterial. Wer einen Hof im November aufräumt und alles wegschneidet, schneidet Wildbienennachwuchs für das nächste Jahr weg. Wer es liegen lässt, hat im April mehr.

Eine unter vielen

Wir kommen zurück zur Mauerbiene vom Anfang. Sie ist, in der Logik dieses einen Hofs, kein Gast und keine Ausnahme. Sie ist eine von sechs, von vermutlich mehr, wenn man genauer hinsieht. Die Honigbiene in der Ecke, die dieses Magazin überhaupt erst veranlasst hat, ist eine siebte. Sie ist nicht die wichtigste; sie ist die auffälligste, die geräuschvollste, die am besten dokumentierte.

In einem Berliner Hinterhof ist die Honigbiene eine Biene unter vielen. Das zu sehen ist nicht entwertend für die Imkerei. Es ist nur die genauere Beschreibung dessen, was vor der Haustür tatsächlich vorgeht.


Ressort: Stadtnatur