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← Magazin 23. Mai 2026
Stille Imkerei · 10 min

Warum wir die Honigernte vergessen dürfen

Eine Saison ohne Ernte: was bliebe von der Imkerei übrig, wenn der Honig nicht das Ziel wäre? Eine Meditation über die Differenz zwischen Imkerei für die Bienen und Imkerei von den Bienen — und über eine Frage, die offen bleiben darf.

Warum wir die Honigernte vergessen dürfen

Die Honigschleuder steht noch im Keller, ungenutzt seit dem letzten Jahr, ein wenig staubig auf dem Deckel, der Trichter abgenommen und in einer Plastiktüte daneben. Wenn der Mai zur Hälfte herum ist und die Frühtracht in den oberen Zargen steht, ist das normalerweise der Punkt, an dem man sie hochträgt, die Bienen aus den Honigräumen vertreibt, die Rähmchen entdeckelt und dreht. Es ist die Choreographie, an der man die Imkerei der mittleren Saison erkennt. In diesem Jahr — vielleicht zum ersten Mal — denken wir laut darüber nach, ob wir sie überhaupt aufführen wollen.

Die Frage klingt ungeheuerlich. Was ist denn ein Imker, der keinen Honig erntet? Was ist eine Imkerei ohne ihr offensichtlichstes Produkt? Worauf läuft das hinaus? Und doch ist die Frage, einmal gestellt, schwerer wieder loszuwerden, als sie zu beantworten ist.

Warum erntet man eigentlich

Die übliche Antwort lautet: weil man Bienen hält, um Honig zu bekommen. Das ist die schlanke, klare Beschreibung, die in den meisten Lehrbüchern steht, und für die historische Imkerei trifft sie auch zu. Honig war über Jahrtausende das einzige verfügbare Süßungsmittel; bis ins frühe neunzehnte Jahrhundert war die Imkerei eine wirtschaftliche Tätigkeit unter anderen, mit dem Honig als Hauptertrag und dem Wachs als zweitem. Bienen hat man gehalten, weil sie produziert haben. So einfach.

Diese Antwort funktioniert in der Erwerbsimkerei bis heute. Wer zwei-, dreihundert Völker führt und davon einen Teil seines Einkommens bestreitet, hat einen klaren Anlass, jedes Jahr zu ernten. Die Frage stellt sich für ihn nicht, oder allenfalls als technische Detailfrage: wann, wieviel, in welcher Reihenfolge.

In der städtischen Hobbyimkerei mit einem, zwei, vielleicht drei Völkern auf einem Hinterhof oder Garagendach liegen die Verhältnisse anders. Hier erntet man, weil das das ist, was Imker:innen tun. Es gehört zur Identität, es bestätigt das Engagement, es bringt zwölf bis zwanzig Gläser für den Freundeskreis hervor, es macht die Tätigkeit nach außen sichtbar. Aber es ist, wenn man genau hinschaut, kaum eine ökonomische Notwendigkeit und nicht einmal eine bienenwissenschaftliche.

Imkerei für oder Imkerei von

Es gibt in der älteren Imkerliteratur eine Unterscheidung, die selten ausformuliert wird, aber unter der Oberfläche ständig mitläuft. Es ist die Differenz zwischen einer Imkerei für die Bienen und einer Imkerei von den Bienen.

Eine Imkerei für die Bienen versteht das Volk als das eigentliche Subjekt der Tätigkeit. Man sorgt für genügend Wintervorrat, kontrolliert die Varroa-Belastung, lässt das Volk im Frühjahr wachsen, achtet auf Schwarmkontrolle, hilft bei Bedarf mit Futtergabe oder Ableger. Wenn am Ende des Jahres ein Überschuss da ist — fünf Kilogramm, fünfzehn Kilogramm, manchmal mehr — nimmt man diesen Überschuss. Aber „Überschuss” heißt: was über den eigenen Bedarf des Volkes hinausgeht. Das Volk kommt zuerst. Honig ist Folge, nicht Zweck.

Eine Imkerei von den Bienen kehrt das Verhältnis um. Hier ist die Honigmenge das Maß; die Volksführung dient ihr. Man wählt die ertragsreichste Königin, stellt die Beuten an die ertragsreichsten Standorte, futtert nach der Ernte hinzu, weil man fast alles abgenommen hat. Auch das ist legitim und auch das wird seit Jahrhunderten so betrieben. Es ist nur etwas anderes. Es ist eine Form von Tierhaltung, in der das Tier den Zweck definiert.

Die meisten von uns liegen irgendwo zwischen diesen beiden Polen, ohne den genauen Punkt zu kennen. Wir nehmen, was an Frühtracht da ist, lassen aber den Spätsommerhonig stehen, weil der ja für den Winter gebraucht wird. Wir behandeln gegen Varroa, weil die Völker sonst eingehen würden, und das ist unbestritten für sie. Wir setzen Honigräume auf, weil sonst geschwärmt würde, und auch das ist primär für das Volk. Aber wir entdecken doch in uns eine Erwartung, die mit dem Volk wenig zu tun hat: dass die Saison einen sichtbaren Ertrag bringt, dass die Beuten im Keller mit gefüllten Eimern stehen, dass das Jahr abschließend zählbar wird.

Eine Saison auslassen

Die Idee, eine Saison vollständig ohne Honigernte vergehen zu lassen, klingt im ersten Moment radikal. Sie ist es weniger, als sie scheint. Die Bienen merken davon nichts; sie tun ohnehin, was sie tun. Wer im Mai keine Honigräume aufsetzt — oder sie aufsetzt, aber im Juli nicht schleudert, sondern dem Volk lässt — bekommt im Spätsommer ein Volk, das in seinem oberen Bereich erheblich mehr Reserven hat, als es für den Winter braucht. Diese Reserven schaden nicht. Sie bedeuten allenfalls, dass die Volkstärke im Frühjahr darauf etwas anders ausfallen wird; mehr Bienen, möglicherweise eher Schwarmlust, eine kleinere Notwendigkeit der Frühjahrsfütterung.

Es gibt eine Strömung der modernen Imkerei, die das systematisch denkt: die Wesensgemäße Imkerei nach Mellifera-Tradition, in der das Schleudern als störendes Element bewusst zurückgenommen wird, in der Holzbeuten bevorzugt werden, in der das Volk in seiner natürlichen Logik so weit wie möglich ungestört bleibt. Daneben gibt es Spielarten von Hobby-Apiarianismus, in denen Honigernte gar nicht mehr als das definierende Element der Tätigkeit gilt; manche dieser Imker:innen sprechen lieber von Bienenhaltung als von Imkerei. Beides sind ernsthafte Praktiken, beide haben Anhänger, beide werden von der orthodoxen Imkerlehre ein wenig skeptisch beobachtet.

Wir wollen uns hier weder zur einen noch zur anderen Schule schlagen. Das wäre eine andere Form von Doktrin, und das Magazin hat sich vorgenommen, keine zu verkünden. Was uns interessiert, ist nur der Gedanke selbst: was passiert in einer Saison, in der man nicht erntet?

Was sich vermutlich ändert

Vieles, was die Saison strukturiert, würde wegfallen. Das Aufsetzen der Honigräume zum richtigen Zeitpunkt; die ständige Frage, wann die Bienen die Räume gut annehmen; die Kontrolle der Verdeckelungsrate, weil Honig erst geerntet wird, wenn er zu mindestens zwei Dritteln verdeckelt ist; das Schleudertag-Wochenende mit seiner kurzen, intensiven Arbeit; das Klären, das Abfüllen, das Etikettieren, das Verschenken oder Verkaufen.

An die Stelle dieser Vorgänge tritt: nichts. Eine andere Art von leerem Sommer. Mehr Zeit für die Beobachtung am Flugbrett. Mehr Zeit für die Werkstatt. Eine andere Form von Aufmerksamkeit für das Volk, weil das Volk nicht mehr Produktionsstätte ist, sondern, deutlich genug, Mitbewohner des Hofs.

Das ist nichts Vermessenes. Es ist nur ein anderer Schwerpunkt. Vielleicht ist man am Ende eines solchen Sommers etwas weniger geschäftig. Vielleicht etwas ruhiger. Vielleicht — und das wäre der eigentliche Gewinn — etwas weniger geneigt, das eigene Engagement an einem Produktstapel zu messen.

Eine Frage, die offen bleibt

Wir wissen nicht, ob wir es dieses Jahr tun werden. Vielleicht setzen wir die Honigräume Anfang Juni doch wieder auf, weil es gewohnt ist und weil der Frühtrachthonig im Glas eine zuverlässige Freude darstellt. Vielleicht lassen wir es. Vielleicht entscheiden wir es spontan, an einem der drei, vier Sonntagvormittage, an denen sich die Frage tatsächlich stellt.

Was wir sagen wollten, ist nur dies: die Frage darf gestellt werden. Sie ist nicht ungehörig, sie verrät die Imkerei nicht, sie macht aus dem Bienenhalter keinen Verräter der Zunft. Sie ist eine Frage, die die Stadtimkerei mit ihrer Vereinzelung und ihrer Kleinmaßstäblichkeit ohnehin trägt — sie wartet nur darauf, ab und zu ausgesprochen zu werden.

Die Bienen merken es, wie gesagt, nicht. Sie tragen Nektar ein, sie verdecken, sie bauen, sie schwärmen, sie überwintern, sie fliegen wieder aus. Was sie tun, hat mit dem Glas auf unserem Frühstückstisch wenig zu tun. Den Unterschied, ob das Glas da ist oder nicht, machen wir, in unserer eigenen Routine, in unserem eigenen Selbstbild.

Das genügt vorerst als Antwort. Es ist keine. Es ist die Erlaubnis, eine Frage offenzuhalten, die nicht beantwortet werden muss, um eine gute Saison zu haben.


Ressort: Stille Imkerei