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← Magazin 04. Mai 2026
Beobachtung · 7 min

Der erste Vorflug — Notizen von einer Februar-Stunde

Mitte Februar, kurz über acht Grad, eine knappe Stunde Sonne auf dem Flugbrett. Wir sehen nur zu, öffnen die Beute nicht. Was diese kurze Stunde verrät und was sie offenlässt — Notizen zwischen Schnee und Reinigungsflug.

Der erste Vorflug — Notizen von einer Februar-Stunde

Es ist ein Donnerstag im Februar, kurz nach halb zwei am Nachmittag. Das Thermometer am Schuppen zeigt achteinhalb Grad, die Sonne steht flach über dem Nachbardach, und auf dem Schnee neben dem Hochbeet liegt eine dünne Schicht aus Eiskristallen, die kurz vor dem Schmelzen ist. Wir öffnen die Beute heute nicht. Wir setzen uns auf den umgedrehten Eimer und sehen nur zu.

Der erste Vorflug des Jahres beginnt selten als Ereignis. Er beginnt als Zögern. Eine Biene kommt aus dem Flugloch, läuft zwei Zentimeter auf das Flugbrett, dreht um. Eine zweite folgt, bleibt länger, hebt ab, fliegt eine kurze Schleife knapp über dem Brett und kehrt zurück. Erst nach mehreren Minuten beginnt das, was die alte Imkerliteratur den Reinigungsflug nennt: eine knappe Stunde, in der die Tiere ihre über den Winter aufgestauten Kotblasen entleeren.

Was am Flugbrett zu sehen war

Wer einmal genau hingesehen hat, erkennt die Spuren sofort. Auf dem hellen Schnee unter der Anflugschneise verteilen sich kleine braungelbe Tropfen, manche kaum größer als ein Stecknadelkopf, andere als breitere Streifen. Sie sind weder Schmutz noch Krankheit, sondern das Zeichen, dass die Verdauung des Volkes nach Monaten der Zurückhaltung wieder beginnt. Wer den Flecken nachgeht, kann ihre Verteilung lesen: ein dichter Streifen direkt vor dem Flugloch deutet auf einen kurzen, vorsichtigen Flug; weiter entfernte, vereinzelte Tropfen darauf, dass einzelne Tiere weiter hinaus wollten.

Nicht jede Biene schafft den Rückweg. Wir sehen zwei, drei Tiere, die im Schnee landen, ein paar Schritte taumeln und liegen bleiben. Bei dieser Temperatur erstarrt eine Biene innerhalb von wenigen Minuten. Wer einmal mit klammen Fingern eine solche Biene aufgehoben und im Vorraum aufgewärmt hat, weiß, dass sie manchmal noch zurückfindet — meistens aber nicht. Es ist Teil dieses Tages, und es ist nichts, was man verhindern kann, indem man den Deckel öffnet.

Vor dem Flugloch häufen sich zugleich kleine dunkle Körper: der Totenfall. Es sind die Bienen, die im Lauf des Winters in der Beute gestorben sind und nun, da das Volk wieder aktiv wird, von den Stockgenossinnen hinausgetragen werden. Manche werden ein paar Zentimeter weit gezogen und liegen gelassen, andere fallen einfach vom Brett. Bei einem gesunden Volk mit dreißig- bis vierzigtausend Tieren im Spätherbst ist ein Totenfall von einigen hundert bis wenigen tausend Tieren über den Winter völlig im Rahmen. Es ist die übliche Zahl. Sie sagt für sich genommen wenig.

Beobachten, nicht diagnostizieren

Hier wäre der Punkt, an dem ein eiliges Imkerhandbuch zur Diagnose ansetzen würde. Es würde das Verhältnis von Lebenden zu Toten ausrechnen, die Färbung der Kotspuren beurteilen, vielleicht eine Verdachtsdiagnose auf Nosema (eine Magen-Darm-Krankheit der Honigbienen) erwägen. Wir tun das heute nicht. Was wir an einer einzelnen Februar-Stunde sehen, ist zu schmal, um darauf eine Aussage zu gründen. Eine zweite Beobachtung in drei Wochen, bei wärmerem Wetter, würde mehr sagen. Und selbst dann bliebe vieles offen.

Es ist eine altmodische Haltung, das wissen wir. Sie passt nicht zu einer Imkerei, die Volksstärken in Tabellen erfasst und Frühjahrsentwicklung als Kurve denkt. Aber an einem Februarnachmittag, in dem die ganze sichtbare Aktivität in fünfzig Quadratzentimeter Flugbrett passt, scheint Diagnose ohnehin eine Form von Hochmut zu sein. Das Volk weiß über sich mehr als wir.

Die kurze Stunde der Berliner Stadtwärme

In einer Stadt wie Berlin beginnt der Vorflug regelmäßig früher als auf dem Land. Mauern und Pflasterflächen halten die wenige Sonnenwärme länger, ein Hinterhof zwischen drei Häuserwänden kann mittags um zwei, drei Grad über der amtlichen Lufttemperatur liegen. In manchen Jahren fliegen die Bienen schon Ende Januar; in anderen warten sie bis in den März hinein. Dieses Jahr ist es früh. Vor zwei Wochen lag noch Schnee, jetzt ist es weich, und die Krokusse an der Hofmauer stehen seit gestern offen.

Nach einer knappen Stunde wird das Brett wieder ruhiger. Die Sonne hat sich hinter den Schornstein des Nachbarhauses geschoben, das Thermometer fällt schon wieder unter sieben Grad. Die letzten Bienen kriechen zurück durchs Flugloch, manche kaum mehr in der Lage zu fliegen, ein, zwei werden noch von Stockgenossinnen hineingezogen. Eine halbe Stunde später ist es still.

Wir stehen auf, klopfen den Schnee vom Hocker und schließen das Hoftor. Das Volk hat heute getan, was es zu tun hatte. Was es bedeutet, werden wir vielleicht im April wissen, vielleicht erst im Juni. Vielleicht nie ganz. Für den Moment genügt es zu wissen, dass es noch da ist.


Ressort: Beobachtung