Purodha
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← Magazin 11. Mai 2026
Trachtkalender · 6 min

Im Mai blüht die Robinie — ein Kapitel über die Verspätung

Die Robinie ist die launischste Massentracht im Stadtimkerjahr. Manche Jahre fließt der helle, milde Honig im Strom, manche Jahre gar nicht. Über die Differenz zwischen Blüte und Nektarsekretion — und warum der Trachtkalender ein Kalender der Hoffnungen ist.

Im Mai blüht die Robinie — ein Kapitel über die Verspätung

Die Bäume in den Hinterhöfen sind seit gestern weiß. Die Robinia pseudoacacia, in der Umgangssprache fälschlich Akazie genannt, steht in den ersten Mai-Wochen in voller Blüte: traubenförmige, hängende Blütenstände, die im Licht beinahe leuchten, ein süßlicher, leicht vanilliger Duft, der ganze Straßenzüge füllt. Ein Stadtbaum, vor mehr als zweihundert Jahren aus Nordamerika eingeführt, heute in vielen Bezirken die häufigste straßenbegleitende Art. Und für die Imkerei: die wankelmütigste Massentracht des Frühsommers.

Im günstigen Jahr produzieren unsere Völker innerhalb von acht bis zwölf Tagen mehr Honig als in den sechs Wochen davor. Der Honig, der dabei entsteht — handelsüblich als „Akazienhonig” verkauft, korrekt aber Robinienhonig — ist hellgolden bis fast wasserklar, mild, leicht süßlich, mit einem geringen Anteil an Glukose, weshalb er lange flüssig bleibt. Wer ihn einmal frisch geschleudert hat und ein Glas davon in der Hand hält, versteht, warum diese Tracht in der mitteleuropäischen Imkerei einen eigenen Platz hat.

Wann der Baum blüht und wann er fließt

Die Schwierigkeit beginnt damit, dass „die Robinie blüht” und „die Robinie fließt” zwei verschiedene Aussagen sind. Eine Robinie kann in voller Blüte stehen und keinen einzigen Tropfen Nektar abgeben. Die Nektarsekretion hängt an einer schmalen Schwelle: Tagestemperaturen zwischen siebzehn und sechsundzwanzig Grad, Nachttemperaturen nicht unter zehn Grad, ausreichende Bodenfeuchte aus den Vorwochen, keine kalten Winde, kein Starkregen während der Blüte selbst. Wird eine dieser Bedingungen unterschritten — vor allem die nächtliche Mindesttemperatur — bleibt der Baum stumm. Die Bienen besuchen die Blüten weiter, sammeln Pollen, finden aber nichts, was sich lohnte einzutragen.

2023 war ein gutes Jahr. Der Mai begann zögerlich, hielt aber ab Mitte des Monats eine ruhige warme Phase, die genau in die Robinienblüte fiel. Wer in dieser Zeit Honigräume aufgesetzt hatte, schleuderte zwei Wochen später bei manchen Völkern fünfzehn, achtzehn, in glücklichen Fällen über zwanzig Kilogramm. Im Folgejahr — 2024 — kam in der ersten Maiwoche ein Kaltlufteinbruch aus Nordosten; nachts fiel die Temperatur auf vier Grad, dann zwei Tage Regen, dann zwar wieder Sonne, aber die Blüte war zu diesem Zeitpunkt bereits angeschlagen, viele Trauben bräunten an den Spitzen. Geerntet wurde, je nach Standort, fast nichts. Manche Stadtimker:innen kamen mit ein, zwei Kilogramm pro Volk aus dieser Tracht heraus, andere mit gar keiner.

Was der Trachtkalender wirklich ist

Der Trachtkalender, den jede Imkerin in einer Form führt — als Liste an der Werkstattwand, als Heft, als bloße Erinnerung — ist deshalb kein Plan, sondern eine Sammlung von Wahrscheinlichkeiten. Er sagt: in den ersten Maitagen kann die Robinie kommen, in der zweiten Hälfte kann die Lindenblüte folgen, im Juli kann die späte Edelkastanie etwas geben. Jedes „kann” steht für eine eigene kleine Wette. Manche werden gewonnen, viele verloren.

Wer lange dabei ist, lernt mit dieser Bauart der Erwartung umzugehen. Man stellt die Honigräume rechtzeitig auf — nicht zu früh, sonst kühlt das Brutnest aus, nicht zu spät, sonst hat das Volk keinen Platz für die plötzliche Tracht. Man hört abends das Geräusch am Flugloch und ahnt nach Stunden, ob die Bienen Wasser oder Nektar holen. Man riecht im Stockinneren, ob es schon nach feuchtem Honig duftet. Und in den meisten Jahren ist man am Ende der Robinienblüte etwas enttäuscht. Nicht entgeistert, nur leise enttäuscht — der Baum hätte gekonnt, und er hat nicht.

Erwartung statt Sicherheit

Es gibt eine Schule der Imkerei, die diese Unsicherheit auflösen will. Wanderimkerei in die Lausitzer Robinienwälder, gezielte Standortwahl an südexponierten Hängen, kleinklimatische Modelle. Das ist legitim und es funktioniert, im Mittel, besser als die Alternative. Wir, in den Berliner Hinterhöfen, wandern nicht. Unsere Völker stehen, wo sie stehen, und sie ernten, was an genau diesem Ort an genau diesen Tagen zu ernten ist.

Vielleicht liegt darin der unaufgeregte Reiz der Stadtimkerei: dass man jedes Jahr aufs Neue nichts verspricht und nichts erwartet — und doch jedes Jahr ein wenig hofft. Wir lesen den Wetterbericht, gehen am Abend an die Beuten, schauen auf die Robinienkronen über der Straße. Und manchmal, in einem von drei Jahren, fließt es dann doch.

Lieber eine melancholische Erwartung als eine enttäuschte Gewissheit. Das ist, am Ende des Mais, der einzige Satz, der dazu zu sagen wäre.


Ressort: Trachtkalender